Städtische NewTLD Google-Insights

12.09.2014

Im März diesen Jahres ist Berlin als erste deutsche Stadt mit ihrer eigenen Domainendung „.berlin“ online gegangen. Wenige Tage später folgte dann auch die Region Ruhr mit ihrer „.ruhr“-Endung und im vergangenen Monat Hamburg mit „.hamburg“.

Und nun, alle Jecken aufgepasst: .koeln. Alaaf! Die Karnevalsstadt Köln, in der auch XOVI ihren Sitz hat, zog vergangenen Freitag stilecht um 11 Uhr 11 mit der eigenen Domainendung: „.koeln“ nach und ist damit vorerst die letzte deutsche Stadt mit einer eigenen Domainendung. Und weil die Stadt sich von Markenexperten hat unterstützen lassen, ist die .cologne auch gleich mit online gegangen. Ob die Stadt sich damit einen Gefallen getan hat? Es ist irgendwie so, als ob man ein Unternehmen mit zwei Marken für das gleiche Produkt versucht am Markt zu etablieren. Welche TLD tatsächlich die meisten Registrierungen zu verzeichnen hat, wird sich zeigen. Meine Vermutung liegt aktuell bei einer Verteilung von 1 zu 5 für die .koeln.

Die .berlin ist bereits seit sechs Monaten verfügbar. Liest man die Pressemitteilung der Betreibergesellschaft dotBERLIN, so klingt es, als ob es jede Menge zu feiern gibt. Am 19.6. wurde verkündet, dass nun über 138.000 Domains registriert wurden. Damit liegt die .berlin in der Rangliste der neuen generischen TLDs nach „.xyz“, die aktuell fast 500.000 Registrierungen zu verzeichnen hat, auf Platz 2 und in der Gesamtliste aller generischen TLDs (also inkl. der .com, .net usw.) auf Platz 12. Grund genug sich die Suchergebnisse bei Google genauer anzuschauen, denn Dirk Krischenowski, Gründer und Geschäftsführer von dotBERLIN schreibt:

„Die neuen Domain-Besitzer haben den Nutzen der intuitiven .berlin-Domains erkannt, mit denen die Sichtbarkeit und Suchmaschinenplatzierung von Web-Angeboten mit Berlin-Bezug verbessert werden kann“.

Ob dem tatsächlich so ist, soll die nachfolgende Analyse zeigen.

Als Datenbasis werden hierbei die durch XOVI wöchentlich bei google.de abgefragten ca. 3 Millionen Keywords (Suchbegriffe) ausgewertet – thematisch gesehen ist alles dabei: Produkte, Dienstleistungen, Marken usw.

Die Auswertung ergab, dass in der letzten Auswertungswoche (Stand 07.09.) 6.328 .berlin Domains auf den ersten 100 Positionen gelistet sind. In der nachfolgenden Grafik ist der Zeitverlauf seit Einführung der .berlin dargestellt. Zu erkennen ist, dass es zwischen dem 23.6. und 30.6. einen Sprung von 3.500 gelisteten Domains innerhalb der Google-Suchergebnisse gab. Dies ist wohl auf die durchgeführte Promotionaktion, an die mehrere Registrare teilgenommen haben, zurückzuführen.

Registrierung .berlin-Domains, zeitliche Verlauf bei google.de

Registrierung .berlin-Domains, zeitlicher Verlauf bei google.de

Obwohl die Region Ruhr fast zeitgleich mit der .berlin online gegangen ist, schaffte sie es bis heute lediglich mit 38 Domains in die Google-Rankings. Die erst vor ca. zwei Wochen gestartete .hamburg zeigt jetzt schon zehn Domains in den Top 100. Aufgrund der noch zu geringen Datenbasis werden die .ruhr- sowie .hamburg-Domains in die Detailanalyse nicht mit einbezogen.

Downloads, inkl. Sichtbarkeit (OVI) und Anzahl gelisteter Keywords:
6.328 .berlin-Domains (CSV)
38 .ruhr-Domains (CSV)
10 .hamburg-Domains (CSV)

Google.de Detailanalyse .berlin

Nach einer stichprobenartigen Überprüfung der bei Google gelisteten .berlin-Domains fiel auf, dass relativ viele Domains ausschließlich Werbung enthalten und zum Verkauf stehen. Zum Zeitpunkt der Promotionaktion hat die DomainProfi GmbH viele Keyword-Domains gesichert oder zumindest die Domain live geschaltet und bietet sie nun im Markt an. Die Domains der DomainProfi GmbH wurden deshalb gefiltert und als Ergebnis bleiben nun 396 Domains übrig. Damit stehen aktuell mindestens 5.932 Domains über die DomainProfi GmbH zum Verkauf. Alle Achtung!
Um die nun übrig gebliebenen Domains zu bewerten, wurden diese gecrawlt und auf folgende Werte hin überprüft: Weiterleitung, Anzahl interner und externer Verlinkungen, Anzahl vorkommender Wörter, AlexaRank, Indexierte Seiten bei Google, IP Adresse.

Nach Sichtung der Ergebnisse sind nun weitere Domains enthalten, die zum Verkauf angeboten werden. Darunter fünf Domains der GLOBAL-eworks (z.B. cognac.berlin und luxus-spa.berlin), vier Domains der Interlit GmbH (z.B. decoshop.berlin und ktm-bikes.berlin) – diese wurden ebenfalls entfernt. Ebenso die inzwischen gelöschten und/oder deaktivierten Domains wie pompadour.berlin, poolreinigung.berlin oder Domains die auf andere TLDs umgeleitet werden, wie z.B. schliessanlage.berlin, marmelade.berlin, deutschwerk.berlin oder quadral.berlin und weitere.

Ergebnis nach Bereinigung: 374 aktive .berlin-Domains

Natürlich kann noch die ein oder andere Domain enthalten sein, grundsätzlich entspricht es aber einem guten Bild über die aktiv betriebenen Webseiten unter der TLD .berlin, die auch über Google gefunden werden. Im Schnitt gehen pro Monat demnach mindestens 62 Webseiten unter der Endung .berlin online, die ernsthaft betrieben werden.

Download bereinigte .berlin-Domain Liste (CSV)

Verteilung .berlin-Domains  bei google.de

Verteilung .berlin-Domains bei google.de

Schaut man sich die Zahlen an, stellt sich natürlich berechtigterweise die Frage, was mit den übrigen Domains gemacht wird – immerhin sind es inzwischen laut dotBERLIN über 138.000 Domains. Der größte Teil der bisher registrierten Domains, wird in den allermeisten Fällen pro forma registriert, um Missbrauch zu vermeiden und wird auf bestehende Webseiten umgeleitet, wie wir es auch mit der xovi.koeln und xovi.cologne gemacht haben. Die xovi.berlin wurde beispielsweise jedoch von einem Kolumbianer registriert und als administrativer Kontakt ist eine Anwaltskanzlei hinterlegt – in den nächsten Tagen wird wohl bei uns eine E-Mail eingehen und die Domain wird zum Kauf angeboten.

Zurecht stehen deshalb die „New gTLD“ bzw. deren Betreiber in der Kritik einen riesen Reibach machen zu wollen. Schafft es die Stadt Köln über deren Betreibergesellschaft NetCologne 50.000 Namen zu registrieren, werden vermutlich die meisten beide TLDs, nämlich .koeln und .cologne registrieren, was letztlich pro Unternehmen ca. 60 € Gebühren bedeutet und insgesamt also eine Summe von ca. 3 Millionen Euro ausmacht – in den meisten Fällen um seinen eigenen guten Namen zu schützen.

Google, Amazon, ebay und andere Internetgrößen

Auf Basis der analysierten drei Millionen Keywords wird wöchentlich durch XOVI der sogenannte OVI veröffentlicht. Der OVI ist eine Kennzahl, die sich aus Anzahl der Keywords, Position und Wertigkeit jeder einzelnen Domain zusammensetzt. Anhand dessen können Webseiten überprüft werden ob und wie sichtbar diese bei Google sind.

Die 138.000 sichtbarsten Webseiten bei google.de wurden dahingehend geprüft, ob die eigene .berlin-Domain geschützt wurde. Ergebnis der Untersuchung ist, dass 11.141 eine .berlin-Domain gesichert haben. Der Anteil beträgt somit ca. 8%.

Top 1.000 sichtbarste Domains mit .berlin-Domain (CSV)

Google Werbeanzeigen (Adwords)

In Anbetracht des sehr kurzen Zeitraumes von sechs Monaten, könnte man nun vermuten, dass Google hier nun noch nicht viele Seiten in die Top 100 gespült hat. Demnach müssten, sofern die .berlin tatsächlich stark genutzt wird um regionale Dienstleistungen zu bewerben, die Nutzung von Google Adwords auffällig sein. Aber auch hier bildet sich – zumindest aktuell – noch ein anderes Bild ab. Untersucht wurden ebenfalls die besagten 3 Millionen Suchanfragen jeweils 1x pro Woche über einen Zeitraum der letzten drei Monate.

Download 49 .berlin-Domains mit Adwords-Aktivität (CSV)

Ein Abgleich der organischen Suchergebnistrefferliste, sowie der Werbeanzeigen hat ergeben, dass 23 von 49 Domains, die bei Google Werbung schalten, über die organischen Suchergebnistreffer gefunden werden. Die übrigen 26 Domains sind vermutlich noch so neu, dass sie es noch nicht so weit nach vorne geschafft haben.

Fazit & Aussicht

Auf Basis der aktuell vorliegenden Daten ist erkennbar, dass hier bereits einige Unternehmen einen Versuch gestartet haben, Ihre Dienstleistungen über städtische TLD zu vermarkten. Jedoch sehe ich noch extrem viel Potenzial, was aktuell noch nicht genutzt wird – beispielsweise werden weder von den Betreibergesellschaften der TLD noch der Partner-Registrare auf die Nutzung des Adwords-Kanals hingewiesen. Der „Berlin-Bezug“ kann über Adwords viel zielgerichteter gesteuert werden, um Dienstleistungen lokal zu vermarkten.

Zu den besagten 3 Mio. Keywords findet man bei google.de 9,6 Millionen verschiedene Domains, davon nehmen die .de-Domains mit rund 3,1 Millionen Domains 32% sowie die .com-Domains mit 3,5 Millionen 36% ein. Die im Jahr 2005 eingeführte .eu-Endung, die für Europa steht und ebenfalls regional bestimmt ist, ist mit 110.000 unterschiedlichen Web-Adressen zu finden und nimmt somit 1,15% ein. Die übrigen Prozente gehen an .org, .info, .biz, usw

Auf Basis dieser Kennzahlen lässt sich erahnen, wie viele aktive und ernsthafte betriebene Webseiten unter der neuen städtischen TLD in den kommenden Jahren aufzufinden sein werden. Ob die Betreibergesellschaften es schaffen die neuen TLD so am Markt zu positionieren, dass auch der Otto-Normal-Internetsurfer diese Domainendungen als „Standard“ wahrnimmt, wird sich zeigen, es ist hier in jedem Fall noch eine Menge Arbeit erforderlich.

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