Google Chrome will die URL abschaffen

Google Chrome will URL abschaffen
Anna Maria von Kentzinsky

Anna Maria von Kentzinsky | 05.09.2018

Es könnte eine grundlegende Revolution des Webs werden. Es könnte das Internet, wie wir es heute verstehen und benutzen, für immer verändern. Das Team hinter Google Chrome arbeitet derzeit daran, die URL abzuschaffen, meldet das Magazin WIRED vergangene Nacht.

Die Meldung kommt überraschend und wirft fundamentale Fragen auf. Die URL und das Web sind doch eigentlich untrennbar miteinander verwoben, oder etwa nicht? Der nächste Gedanke, über den man stolpert: Ist das nicht eine kontraproduktive Strategie von Google? Schließlich ist der Konzern mit der Indexierung von URLs zu dem gigantischen Konzern geworden, der er heute ist. Wie kommt man da auf die Idee, sich überspitzt gesagt einer selbst verordneten Herztransplantation zu unterziehen?

Einem kann man sich sicher sein: Google tut nichts unüberlegt. Welches Problem haben also URLs, dass die größte Suchmaschine der Welt ihr Herzstück durch etwas besseres ersetzen will – und was genau soll das sein?

URLs sind zu unsicher

Was ist das Problem mit URLs? Eigentlich sind sie doch recht logisch aufgebaut. Sie enthalten:

  • das Transfer Protocol (HTTP oder HTTPS – ist die Seite sicher oder nicht?)
  • den Domain-Namen (Identität der Quelle)
  • den Pfad (Unterseite der Quelle und ihr Inhalt)

Theoretisch ist das so. Aber nur in einer perfekten Welt, in der jeder Webmaster sich mit SEO auskennt und ein Interesse und Ressourcen dafür hat, jede einzelne URLs so klar darzustellen. Das Web ist leider keine perfekte Welt. URLs sind oft unverständliche Aneinanderreihungen von Zahlen und Zeichen, die nur wenig über den Inhalt der jeweiligen Seite aussagen. Für Trackings enthalten sie Zusätze, die nur jemand erkennt, der sich mit dem Thema beschäftigt. URL Shortener maskieren die ursprüngliche URL gänzlich, ohne besonderes Aufwand lässt sich die darunter liegende URL nicht identifizieren. Für den User ist das wie Blind Booking. Auf den kleinen Smartphone Displays lassen sich URLs in den meisten Fällen gar nicht erst vollständig anzeigen. In einer zunehmend mobil surfenden Welt lässt sich noch weniger nachvollziehen, ob die Quelle – also die Domain, die gerade angesurft wird – überhaupt vertrauenswürdig ist oder überhaupt die ist, die sie vorgibt, zu sein. Denn seit einigen Jahren werden die Schwächen der URL zunehmend für kriminelle Zwecke ausgenutzt. So werden beispielsweise Unternehmensseiten imitiert, um sensible Nutzerdaten zu stehlen.

Diese Problematik sieht auch Adrienne Porter Felt, Technische Managerin von Google Chrome und ihr Team. Gegenüber WIRED gab sie an:

Sie [URLs] sind schwer zu lesen, es ist schwer zu wissen, welcher Teil von ihnen vertrauenswürdig ist. Grundsätzlich denke ich, dass URLs kein guter Weg sind, um die Identität einer Website zu darzustellen. Darum wollen wir an einen Ort kommen, an dem Web Identität von jedem nachvollzogen werden kann. … Das wird aber große Veränderungen nach sich ziehen, wie und wann Google Chrome URLs anzeigt. Wir stellen die URL grundsätzlich infrage und wollen klären, ob sie wirklich der beste Weg zur Identitätsvermittlung ist.

Es geht also um Vertrauen. Googles Überlegung, URLs zu überdenken, scheint übergeordnete Hintergründe zu haben. Denn nur wenn die Nutzer den Suchergebnissen vertrauen, kann der Konzern seine Flaggschiff-Stellung langfristig sichern.

Google hat noch keine konkrete Lösung parat

Was genau die Lösung für URLs von Adrienne Porter Felt und ihrem Team sein wird, ist laut WIRED noch immer unklar. Akademiker beschäftigen sich seit Jahren mit verschiedenen Optionen, das Problem birgt aber keine einfache Lösung. Porter Felt und ihr Kollege Justin Schuh (Hauptingenieur bei Chrome) berichten gegenüber WIRED, dass selbst ihr Team noch gespalten ist, was die beste Lösung angeht. Worüber sich die Geister genau scheiden, wird derzeit noch nicht kommuniziert. Das soll sich allerdings noch diesen Herbst, spätestens aber nächstes Frühjahr ändern.

Eines ist jedoch klar: Was auch immer die Lösung sein wird, sie wird polarisieren und vieles von Grund auf verändern. Eine ähnliche Meinung vertritt auch Parisa Tabriz, Technische Direktorin bei Google Chrome:

Ich weiß nicht, wie das aussehen wird, denn derzeit ist es eine aktive Diskussion im Team. Was ich aber weiß ist, dass egal was wir vorschlagen, es wird kontrovers. … Veränderung wird kontrovers, welche Form sie auch immer annimmt. Aber es ist wichtig, dass wir etwas tun, denn jeder ist mit URLs unzufrieden. Sie sind irgendwie scheiße.

Ein Web ohne URL? Wie das umgesetzt werden soll, ist kaum vorstellbar. Jedem Webmaster und SEO stellen sich da im ersten Moment die Haare zu Berge. Was soll da kommen? Welchen Einfluss hat das auf meine Website, meine Rankings, meinen Umsatz? Da gilt es jetzt erst einmal, nicht in Panik zu geraten. Aktuell können wir nur abwarten, was genau die Lösung sein soll und wie und bis wann die Umsetzung geplant ist. Wichtig wird es später sein, eventuelle Anpassungen während der Umstellungsphase vorzunehmen, um weiter am Ball zu bleiben. Grundsätzlich ist es ja keine schlechte Sache, sich der URL mit all ihren Problemen anzunehmen und sie infrage zu stellen. Nur durch Veränderung und Optimierung können wir das Web zu einem besseren, sicheren Ort machen, der seiner Zeit entspricht.